Buchrezension: Yoga-Gehirn – Wie und warum Yoga auf unser Bewusstsein wirkt?

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Buchrezension: Yoga-Gehirn – Wie und warum Yoga auf unser Bewusstsein wirkt?

Buchrezension: Anna Trökes – Dr. Bettina Knothe: Yoga-Gehirn – Wie und warum Yoga auf unser Bewusstsein wirkt?
2009, O.W.Barth, 315 Seiten, ISBN Nummer: 978-3-4426-29172-6
28. März 2019
Buchrezension „Yoga-Gehirn“

Wie und warum Yoga auf unser Bewusstsein wirkt?

Die Yoga-Pionierin Anna Trökes bildet europaweit seit mehr als drei Jahrzehnten Yogalehrer aus. Die Co-Autorin Bettina Knothe arbeitet als Naturwissenschaftlerin im Bereich der Hirn- und Bewusstseinsforschung und ist ebenfalls ausgebildete Yogalehrerin. Die Themenwahl fiel deshalb auf diese Materie weil das neurowissenschaftliche Erklärungsmuster im Zusammenhang mit den alten Yoga-Weisheitspraxen auf das Gehirn meine Neugier weckten.
Als Yogalehrende beobachten wir, wenn jemand mit bestimmten physischen und psychischen Merkmalsausprägungen in die Yogastunden kommt und diese mit einer anderen Werthaltung verlässt. Der Mensch, der sich mit dem Yoga-Sutra auseinandersetzt wird sich tiefgehend verändern, das war mir immer klar. Yoga funktioniert aber auch, wenn der Mensch kein Yoga-Sutra liest, darüber gar nichts weiß und/oder daran nicht glaubt. Denn Yoga kann auch als Körperarbeit helfen, eine andere physische und psychische Stabilität und Nachhaltigkeit zu erreichen. Ich wollte wissen, wie eine derartige Transformation so subliminal und unterschwellig vor sich gehen kann, dass man die Veränderung nur an den Resultaten erkennt.
In fünf Kapiteln behandeln die Autorinnen unter anderem das Yoga-Sutra des Patanjali, die neurowissenschaftlichen Grundlagen des „achtsamen Gehirns“ sowie die Yoga- Wege und ihre Wirkung. Hierzu gehören zum Beispiel die vier Yoga-Wege der Bhagavad Gita sowie Erläuterungen zu Pranayama und Meditation. Schon die Inhaltsübersicht wirft Fragen auf, wie Was ist Bewusstsein und was ist Wahrnehmung? Hier wird „citta vridhi nirodhah“ in Patanjalis Yoga-Definition neurowissenschaftlich erklärt, sowie die fünf Aktivitäten unseres „Citta“ („das Feld des Geistes“) im Einzelnen beschrieben. Es sind die richtige Wahrnehmung, die falsche Wahrnehmung (Irrtum), Vorstellung bzw. Denken in Konzepten, Schlaf und Erinnerung. Bei den Erinnerungen werden auch die Fehlleistungen, die sogenannten „sieben Sünden des Gedächtnisses“, (Flüchtigkeit, Unaufmerksamkeit, Blockade, falsche Zuordnung, Suggestivität, Vorurteil und Verhaftet-sein) abgehandelt. Weiters werden die Prinzipien, die wir aus den Bereichen Yoga und Meditation kennen: nämlich Achtsamkeit, achtsames Gewahrsein, Bewusstsein und Wahrnehmung mit den entsprechenden Konzepten aus den Neurowissenschaften diskutiert. Studien belegen, dass die menschlichen Systemgrundlagen zwar angeboren sind, in ihrer qualitativen Ausprägung aber veränderbar bleiben. Das Prinzip der Veränderbarkeit gilt bis ins Erwachsenenalter fort. Yoga stärkt nämlich die Strukturen des Gehirns, des gesamten Nervensystems und schult uns motorisch, sensorisch und kognitiv.
Der nächste Kapitel ist dem Thema,

wer ist das ICH, das Yoga übt?

gewidmet und beschreibt Konzepte der Identität. Letztere ist durch Restriktionen – die sog. fünf Kleshas – bedroht: Nicht-Wissen, Ichbezogenheit, Begierde, Ablehnung und Angst – auf dem Yogaweg. Vom Patanjali wissen wir, dass unsere Kleshas ein nie enden wollender Nährboden für immer wieder aufkeimendes Leid, Unruhe und Unzufriedenheit sind. Die Gehirnforscher vermuten, dass alle Änderungen in unseren Empfindungs- und Gefühlsmustern nur als hauchdünner Film über unsere Vorprägungen gestülpt sind, da die sog. Amygdala (das Verhaltensprogramm des Gehirns mit den dortigen Negativprägungen) niemals vergisst. Also „unser Gehirn schreibt unsere Geschichte, und gleichzeitig schreiben sich unsere Erlebnisse und Erfahrungen als Geschichte in unser Gehirn und in den Körper ein“ – stellen die Autoren fest. In der Yogapraxis gewinnt der Übende ein verändertes Körpergefühl, sowie in der frühen Kindheit, als eine Beziehung zum eigenen Körper und gleichzeitig zu anderen Menschen aufgebaut wurde. Standvermögen, die Fähigkeit, Unangenehmes auszuhalten und nicht gleich in die Opferrolle abzugleiten wird durch die grundlose innere Freude und innere Begeisterungsfähigkeit gefördert. Dadurch wächst langsam Selbstvertrauen, Offenheit, Neugier und Beziehungsfähigkeit.
Bei Erwachsenen, die ihren Yogaweg beginnen, geschieht dies sehr ähnlich: der Körper beginnt sich aufzurichten, sein Verkrümmungen und Verbiegungen (auch starker Skoliose) auszugleichen und der Geist folgt diesem Verlauf. Mit neuen Haltungsmustern festigen sich auch neue Verhaltens-, Denk- und Gefühlsmuster. Das Bedürfnis über uns selbst hinauszuwachsen und dabei mit unserem innersten Wesen verbunden zu bleiben, wird tief im
Gehirn verankert und erfährt auf diese Art eine neue Prägung. Eine Transformation wird nur möglich, wenn man im betreffenden Menschen eine Sehnsucht weckt oder ihn physisch und/ oder psychisch soweit „abholt“, dass dieser Mensch aus eigenem Antrieb versucht, sich anders zu verhalten oder einen anderen Weg zu gehen.
Jeden neuen Weg, den ein solcher Mensch von sich aus anstrebt, wird eine Art Heilung bewirken können. Wichtig ist dabei (lediglich) zu erkennen, dass alle positive Gefühle, wie Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen, Wohlwollen, Fehlerfreudigkeit oder Selbstliebe bewirken, dass selbstverstärkende Regelkreise im Gehirn angeregt, etabliert und letztlich stabilisiert werden. Dieser Vorgang ist letztlich erforderlich, damit überhaupt neue Wege bestritten werden können. Was früher das noradrenerge System mit all seinem negativ besetzten somatischen Markern (Stress-Antworten) aktivierte, setzt nun das dopaminerge und serotonerge System in Bewegung. Die neuromodulatoren (Dopamin) versprechen uns Belohnung und innere Ruhe, oder Wohlbefinden (Serotonin). Die Yoga-Techniken haben also eine heilsame und harmonisierende Wirkung, dabei werden Spiegelneuronen und die Neuroplastizität des Gehirns angesprochen. Erst wenn wir lernen, unsere Gedanken, Stimmungen und Gefühle zu kontrollieren, erfahren wir das ganze Ausmaß der Rastlosigkeit der Gedanken.
Im letzten Kapitel werden die Yogatechniken, wie Asanas und das ganze Bewegungsrepertoire des Yoga als Mittel der Entwicklung unserer Eigenwahrnehmung sowie Atem- und Meditationstechniken als Einzelpraktiken genauer beschrieben. Ein Konzentrationstraining in Verbindung mit Meditationstechniken kann langfristig dazu führen, dass man sich selbst ebenfalls differenzierter, feinfühliger und mitfühlender wahrnimmt. Das Ergebnis ist ein wesentlich sorgfältigerer Umgang mit seinen Mitmenschen und eine achtsamere und kontrolliertere Reaktion auf äußere Reize. So können wir sinnhaft leben und sinnstiftend für unser Umfeld handeln. Wie das Zitat von Joachim Bauer so treffend im Kapitel „Resonanzen und Übergänge“ befindet:

„Nicht, dass wir um jeden Preis überleben, sondern dass wir andere finden, die unser Gefühle und Sehnsüchte binden und spiegelnd erwidern können, ist das Geheimnis des Lebens.“

Dem ist nichts hinzuzufügen, abgesehen von der Tatsache, dass Patanjali diese Denkleistungen bereits vor 2000 Jahren in Yoga-Sutras beschrieben hat.

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